AUFRUF ZUM FESTIVAL 2022

Das Mut gegen Rechts – Open Air Festival findet 2022 auf dem Campus des Goethe-Gymnasiums in der Seestraße und Ludwigsburg statt. Jedes Jahr setzen wir ein übergeordnetes Thema und gestalten ein Programm rund um die verschiedenen Aspekte unseren Leitthemas. Dieses Jahr beschäftigen wir uns mit dem Kolonialismus. Infostände gibt es ab 13.00 Uhr, das Programm auf der Bühne beginnt um 14.00 Uhr.
Hier findest du den Aufruf in einfacher Sprache.

KOLONIALES ERBE BEGREIFEN – RASSISMUSKRITISCH HANDELN LERNEN

Innerhalb der Gesellschaft ist man sich größtenteils einig: Rassismus ist abzulehnen! Und doch ist Rassismus in seinen unterschiedlichen Formen allgegenwärtig. Rassismus ist nicht immer einfach ersichtlich, sondern ein komplexer Grundbaustein unserer Gesellschaft, ja sogar des gesamten Zusammenlebens auf dieser Welt.
Um den heutigen Rassismus begreifen und überwinden zu können ist es wichtig, seine Entstehung und seine Geschichte zu verstehen. Dazu gehört auch der europäische Kolonialismus des 19. Jahrhunderts, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind. Die Einteilung von Menschen in unterschiedliche “Rassen” führte zu einer gesellschaftlich-konstruierten Überlegenheit der weißen Europäer*innen gegenüber den Menschen in den eroberten Kolonien. Die sogenannte Rassenlehre ermöglichte es eine Herrschaftsordnung auf der Welt zu etablieren, die die Ausbeutung, Unterdrückung, Zurschaustellung und Versklavung der Menschen in den Kolonien rechtfertigte. Und auch wenn diese pseudowissenschaftlichen Annahmen längst jeder biologischen und wissenschaftlichen Basis enthoben und widerlegt sind, profitiert der globale Norden bis heute von damaligen Strukturen. Oft wird vom globalen Süden und dem globalen Norden gesprochen, um das Ungleichgewicht auf der Welt zu beschreiben. Ein Beispiel dafür ist die Schokoladenherstellung: bis heute werden die Rohstoffe wie Kakao vor allem in Ländern des globalen Südens angebaut, während gleichzeitig die Weiterverarbeitung und somit der große Teil der Wertschöpfungskette im globalen Norden statt findet. Man spricht hier vom Post-Kolonialismus.
Heute zeigt sich Rassismus nicht immer offensichtlich, sondern steckt viel subtiler in den Strukturen unserer Gesellschaft. Das erkennt man zum Beispiel daran, dass das Geburtsland eines Menschen über die Lebenschancen und -möglichkeiten entscheidet. Neben den Strukturen, die seit dem Kolonialismus des 19. Jahrhunderts weiterleben, etablieren sich neue Themenkomplexe nach den gleichen Mustern. Man spricht hier vom Neo-Kolonialismus. Ein aktuelles Beispiel an dem die nach wie vor bestehende Ungleichheit erkennbar wird, ist der Zugang zu Impfstoffen gegen Corona: in Ländern des globalen Nordens, wie Deutschland, Frankreich oder USA ist genug Impfstoff für die Bevölkerung vorhanden, wohingegen andere Länder, wie Namibia oder Südafrika einen schlechten Zugang zum Impfstoff haben. Und selbst in Indien, dem Land, das weltweit am meisten Impfstoff produziert, wird lieber in den globalen Norden exportiert, als die dortige Bevölkerung zu schützen. Diese Ungleichheit gibt es aber auch innerhalb von Nationalstaaten, wenn zum Beispiel migrantisierte Menschen einen schlechteren Zugang zum Gesundheitssystem haben, als weiße Menschen.
“Jede Gesellschaft wird durch historisch gewachsene Strukturen getragen, in die die Geschichte eingeschrieben ist. Daher kann man davon sprechen, dass Rassismus strukturell überall in Kultur und Gesellschaft verankert ist und damit in allen Bereichen wirksam war und ist. Genau das meint der Begriff >>struktureller Rassismus<<, dass sich die Wirkung des geschichtlichen Rassismus überall entfaltet. Überall meint: in den gesellschaftlichen und kulturellen Tiefenstrukturen. Selbst dann, wenn dies keiner mehr möchte.” (Aladin El-Mafaalani 2021: 27)
Um rassismuskritisch Handeln zu können, müssen wir Rassismus in seiner Wirkmächtigkeit und seinem Ursprung verstehen. Deshalb steht im kommendem Jahr 2022 der Kolonialismus und seine konkreten Auswirkungen bis heute im Mittelpunkt unserer Arbeit.
Wir stellen Fragen und suchen nach Antworten: Wer hat im Raum Ludwigsburg besonders vom Kolonialismus profitiert? Welche Beteiligung hatte Deutschland, speziell Baden-Württemberg an kolonialen Eroberungen? Welche Spuren finden sich im Kreis Ludwigsburg zu Kolonialismus, z.B. Straßennamen oder Denkmäler? Welche Auswirkungen hat Kolonialismus auf andere Formen der Diskriminierung innerhalb unserer Gesellschaft? Welche Auswirkung hat Kolonialismus auf die globale Gerechtigkeit, z.B. beim Aspekt der Klimagerechtigkeit?
Aber wir wollen auch handeln lernen: Wie können wir unser Wissen über Rassismus und unsere Privilegien positiv gegen Rassismus nutzen? Wie können wir rassismuskritisch Handeln lernen? Wie können wir von Rassismus betroffenen Menschen unterstützen und zu Verbündeten werden? Wie können wir die Gesellschaft ein Stück weiter bewegen, diese Strukturen zu hinterfragen und abzubauen?

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QUELLEN, LESELINKS & BEGRIFFSERKLÄRUNGEN

Kolonialismus:
Kolonialismus beschreibt die Unterwerfung von Menschen einer Gesellschaft durch eine andere Gesellschaft in einem bestimmten Gebiet. Die kolonialisierende Gesellschaft hat eine andere Geschichte und soziale Ordnung wie die kolonisierte Gesellschaft und hat den Anspruch, die unterworfene Gesellschaft vollständig zu kontrollieren. Die kolonialisierende Gesellschaft hat die Vorstellung grundsätzlich höherwertig zu sein, als jene Menschen, die unterworfen werden. (Conrad 2012)
https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/postkolonialismus-und-globalgeschichte/236617/schluesselbegriffe, zuletzt abgerufen am 03.01.2022
Rassismus:
Rassismus ist eine Ideologie, die Menschen aufgrund ihres Äußeren, ihres Namens, ihrer (vermeintlichen) Kultur, Herkunft oder Religion abwertet. Es gibt verschiedene Rassismus, zum Beispiel Anti-Schwarzen-Rassismus, aber auch Antimuslimischer Rassismus oder Rassismus gegen Sinti und Roma. Einen guten Überblick gibt die Seite der Amadeu-Antonio-Stiftung:
https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/rassismus/was-ist-rassismus/ 
weiß und Schwarz:
Mit den Begriffen weiß und Schwarz werden nicht etwa Hautfarben beschrieben, wie man im ersten Moment annehmen könnte. Auch geht es mit der Beschreibung nicht um eine biologische Betitelung oder die tatsächliche Hautfarbe. Vielmehr beschreiben die Begriffe weiß und Schwarz Identitäten von Menschen, die aus der kolonialen Geschichte heraus entstanden sind. Es waren weiße Menschen, die die “Rassentheorie” etabliert haben, um Schwarze Menschen zu versklaven und auszubeuten. Die Begriffe beschrieben eine unterschiedliche Perspektive und einen unterschiedlichen Erfahrungshintergrund von Menschen in dieser globalisierten Welt. Ein guter Buchtipp wäre das Buch von Alice Hasters mit dem Titel “Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten”.
https://www.bpb.de/apuz/antirassismus-2020/316756/mueckenstiche-mit-system-zum-umgang-mit-alltagsrassismus 
„Rassenlehre“ oder „Rassentheorie“:
Der Begriff “Rassenlehre” oder auch Rassentheorie“ sind diskriminierende Theorien, die in der Vergangenheit dazu genutzt wurden, um Menschen in vermeintliche “Menschenrassen” einzuteilen und zu unterwerfen. Dabei wurden die Menschen vor allem aufgrund äußerliche Merkmale kategorisiert, z.B. aufgrund der Hautfarbe. Diese Theorien sind natürlich grundlegend falsch und wissenschaftlich in keiner Hinsicht belegbar. Sie diente der Legitimation, also der Rechtfertigung von Kolonialisierung. Später wird der Begriff der “Rasse” synonym zum Begriff “Volk” verwendet. (Pfeifer 1995: 1084)
PFEIFER, Wolfgang, 1995. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München, S. 1084–1085.
Globaler Norden/ Globaler Süden: 
Die Begriffe des globalen Süden bzw. Norden finden diplomatische Anwendung an die Ablösung der kolonialgeprägten Begriffe der Entwicklungs- und Schwellenländer. Die geographischen Verortungen spiegeln damit die Unterscheidung zwischen reichen Industrieländern und denen, die ausgebeutet werden und wirtschaftlich kaum am Weltmarkt teilhaben. (Sachs 2002: 26-28)
SACHS, Wolfgang, 2002. Nach uns die Zukunft: Der globale Konflikt um Gerechtigkeit und Ökologie. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel Verlag.
Migrantisiert:
Die Verwendung der Beschreibung von Menschen mit Migrationsgeschichte als migrantisierte Menschen orientiert sich an Darja Klingenberg, die festhält, dass die Unterteilung in Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ein Aspekt des Otherings darstellen: also Menschen ohne deren eigene Meinung in Gruppen des Fremden und des Bekannten einteilt. “Migrantisierte Menschen” sagt also aus, dass es sich bei dieser Kategorie um eine Fremdbezeichnung handelt (Klingenberg 2019: 163)
KLINGENBERG, Daria, 2019. Einblicke in migrantische Wohnungen: Erkenntniskritik und Repräsentationspolitik. In: Hans Peter HAHN und Friedemann NEUMANN, Hrsg. Das neue Zuhause. Haushalt und Alltag nach der Migration. Frankfurt – New York: Campus Verlag, S. 163.
Postkolonialismus/Neokolonialismus
https://taz.de/!756411/, zuletzt abgerufen am 03.01.2022
Schokoladenherstellung:
https://www.nzz.ch/feuilleton/schweiz-und-kolonialismus-so-weiss-war-das-land-nicht-ld.1570208, zuletzt abgerufen am 27.12.2021
Impfstoff aus Indien:
https://www.tagesschau.de/ausland/asien/impfstoffproduktion-indien-101.html, zuletzt abgerufen am 27.12.2021
Gesundheitszugang für migrantisierte Personen:
https://ec.europa.eu/migrant-integration/integration-practice/mimi-migrants-migrants_en, zuletzt abgerufen am 27.12.2021

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